Politik

Von Tränen und Hoffnung

Ich erinnere mich an zwei Szenen in meiner Kindheit, die mich sehr geprägt haben. Die erste: Ich muss 7 oder 8 Jahre alt gewesen sein. Ich sollte Lesen üben. Es war noch Winter, vermutlich Februar. Ich saß im Wohnzimmer – damals hieß das Stube –  meiner Großeltern, vor mir eine für mich riesige Zeitungsseite. Mir am Tisch gegenüber saß meine Oma und strickte. Ich las laut vor.

Der Artikel, den ich las, war aus der Sächsischen Zeitung und handelte von den Luftangriffen auf Dresden im Zweiten Weltkrieg – ein Zeitzeugenbericht. Ich erinnere mich, dass es um eine Frau und ein Kind ging. Die Frau legte sich während eines Angriffes über das Kind, um dieses vor der Hitze zu schützen, die durch die Bomben entstand. Die Frau starb, das Kind überlebte. Ich erinnere mich bildhaft an die Beschreibungen im Text: die brennende Elbe, unsägliche Hitze, das laute Knallen der Bomben, die Hilflosigkeit der Menschen. Ich erinnere mich daran, dass das Klackern der Stricknadeln langsamer wurde und schließlich verstummte. Als ich meine Oma fragend ansah, hatte sie Tränen in den Augen. Ich konnte das damals alles noch nicht begreifen, aber ich wusste, dass Krieg etwas ganz Furchtbares sein musste.

Meine Oma fing an zu erzählen. Sie berichtete davon, dass in unserem Dorf (etwa 35 Kilometer von Dresden entfernt) die Bombenangriffe zu hören waren. Nicht nur zu hören, sondern zu fühlen. Sie erzählte, wie die Menschen große Kuchenbackbleche an die Fenster legten. So versuchten sie zu verhindern, dass Soldaten sahen, dass jemand im Haus wohnte. Meine Oma erzählte von den Soldaten, die durch die Dörfer liefen und Frauen nach Belieben „benutzten“.

Ein Handwagen und ein Koffer

Dann die zweite Szene: Ich war nun älter – 13 Jahre alt, vielleicht 14. Wieder saß ich in der Stube meiner Großeltern. Dieses Mal mit meinem Opa, meine Oma war mittlerweile gestorben. Mein Opa erzählte mir von der Vertreibung aus Schlesien. Er erzählte von dem Handwagen mit einem einzigen Koffer, den er und seine Mutter mitnehmen durften. Er erzählte von der kilometerlangen Strecke, die sie zurücklegen mussten. Er erzählte von der Kälte, die er spürte, und von der Ungewissheit vor dem, was da wohl kam.

Mein Großvater erinnerte sich, wie er damals in der Nachbarstadt ankam – gemeinsam mit seiner Mutter, dem Handwagen und diesem einen Koffer, gefüllt mit ein paar wenigen Dokumenten, die er mitnehmen konnte. Der Koffer steht heute noch auf dem Dachboden, ein Relikt vergangener Zeiten. Ein Mahnmal. Mein Opa erzählte, wie ein freundlicher Mann ihn aufnahm und ein Zuhause gab. Er erzählte, wie der Mann, den wir alle Onkel Werner nannten, ihm half, Arbeit zu finden. Onkel Werner zählte bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren zu unserer Familie.

Bei allem was mein Großvater erzählte, blieb er ruhig – äußerlich. Den Anblick, wie er in Tränen ausbrach, als er davon erzählte, dass er mitten im Krieg noch in Schlesien zur Apotheke gehen musste, werde ich allerdings nie vergessen. Er sollte dort etwas für seine Mutter oder Schwester holen, die krank war. Mein Opa beschrieb mir, wie er über Leichen stieg, um zur Apotheke zu gelangen. Er erzählte von den Bildern, die sich in sein Gedächtnis brannten und von denen er immer noch träumte. Mein Opa, der für mich ein starker Mann war, den ich als ganz kleines Mädchen aus Spaß immer heiraten wollte, zeigte mir diese unglaublich verletzliche und hilflose Seite. So viele Jahre nach der Flucht, nach dem Krieg.

Zwei Szenen, die samt Gefühl fest in meinem Kopf verankert sind. Schon beim Schreiben bekomme ich ein beklemmendes Gefühl.

Und jetzt, 25 bis 30 Jahre später

Ich erkläre meinen drei Kindern, was da in Chemnitz gerade passiert. Ich muss ihnen erklären, dass nicht alle Menschen gut sind. Das Menschen sich hassen. So sehr, dass sie sich umbringen, jagen, verachten. Ich muss ihnen vom Krieg erzählen und davon, dass Menschen ihre Heimat verlassen. Ich muss ihnen erzählen, dass manche Menschen sich über andere stellen und meinen, etwas Besseres zu sein. Ich versuche ihnen zu erklären, dass es auch die Menschen gibt, die nicht vor einem Krieg fliehen, sondern in Deutschland nach einem anderen Leben suchen. Dass diese Menschen von einem besseren Leben hier träumen, wie meine Kinder vom besten Lego, und manchmal auch versuchen, dieses Leben auf verschiedensten Wegen und mit gefährlichen Mitteln einzufordern. Dass diese Menschen dabei nicht immer ehrlich sind, muss ich letztendlich genauso erwähnen.

Meine Kinder können das nur schwer verstehen, erleben sie doch in der Schule und in unserem Alltag anderes. Der eine Sohn war bis vor kurzem in einer DAZ-Schule. 17 Nationen lernten da gemeinsam. Mein Sohn kann »Happy Birthday« in fünf verschiedenen Sprachen singen. An Weihnachten erzählten die Kinder von den Traditionen aus ihren Heimatländern und zeigten, wie sie dieses Fest feierten.

Mein Sohn weiß, dass kaum eines dieser Kinder freiwillig seine Heimat verlassen hat. Er weiß sehr wohl, dass es zu Schwierigkeiten kommt, wenn man nicht die gleiche Sprache sprechen. Er weiß auch, dass Menschen unterschiedliche Temperamente haben. Aber er weiß auch, dass sich vieles regeln lässt, mit Regeln, Geduld und dem gewissen Feingefühl. Für meinen Sohn war das nie ein großes Thema. Für die Lehrer, die gewisse Kinder aufgrund ihrer Herkunft unterschwellig diskriminierten, schon. Die Kinder hielten zusammen, um ein anderes vor Ungerechtigkeit zu schützen. Kinder halten Ungerechtigkeit eben nicht einfach aus oder schauen weg.

Kindliche Phantasie

Und dann mein Jüngster. In seiner Kita-Gruppe gibt es ein Mädchen aus Syrien. Anfangs war sie schüchtern, sprach noch kein Wort Deutsch. Er mag sie sehr gerne und erzählte viel von ihr, als sie noch neu war. Er machte sich Gedanken darüber, wie man den Krieg in ihrer Heimat beenden könnte –  eine wundervolle, kindliche Phantasie. Wenn man den Krieg nicht beenden kann, dann sollte man doch wenigsten die vielen unschuldigen Menschen retten, meint er. Sein Wunsch für sie ist, ihre Heimat wieder schön zu machen. Inzwischen ist das Mädchen in der Gruppe angekommen, er empfindet sie nicht als Fremde oder als »die von woanders«. Im Gegenteil: Sie gehört dazu, hier ist nun ihre neue Heimat. Das dauerte kein Jahr.

Meine Kinder wachsen nicht verblendet auf. Genauso wie ich es nicht bin. Auch mir wurde gesagt, dass man den Menschen eben nicht ansieht, ob sie Gutes oder Böses im Sinn haben. Vorsicht ist immer geboten. Dabei ist es aber total egal, woher jemand kommt. Und mir ist sehr wohl bewusst, dass ich in meinem Leben bisher keinen Krieg erlebt habe und demnach vieles gar nicht nachvollziehen kann. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, gehen zu müssen. Ich denke, das wissen die wenigsten Deutschen. Oft stelle ich mir die Frage, was denn wirklich passieren müsste, damit ich gehe und alles hinter mir lasse. Sachsen ist meine Heimat.

Was das aber nun alles verbindet?

Durch meine Großeltern weiß ich, wie schwer biografische Einschnitte wiegen. Ich weiß, dass viele Menschen nicht grundlos oder unüberlegt ihre Heimat hinter sich lassen. Ich weiß, dass eigentlich nur Respekt dem anderen gegenüber und – ja – Verständnis, Regeln und Zeit hilft.

Was nicht hilft: »Die sollen sich benehmen!« oder »Die gehören nicht hierher!« Denn auch das ist klar: Die Forderung »Ausländer raus!« ist praktisch gar nicht umsetzbar. Sie ist schlicht nicht realistisch, auch weil schon nicht klar ist, ob ich als Nachfolgerin meines Opas dann überhaupt bleiben dürfte.

Ich sage nicht, wir sollen allen Menschen ganz naiv die Haustür öffnen und immer nur an das Gute im Menschen glauben. Natürlich muss man aufpassen und schauen, mit wem man es zu tun hat. Aber ich plädiere dafür, sich nicht durch Wut, Hass und Egoismus in eine Ecke treiben zu lassen und nur über die Herkunft von Menschen zu urteilen. Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen, die Herausforderung Integration steht nun an, ob wir es wollen oder nicht. Packen wir sie doch ganz einfach konstruktiv an. So, wie es meine Kinder tun würden.

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