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Schweigen wäre manchmal besser…

Sonntag, die Sonne scheint. Ich sitze mit meinen Jungs beim Eis essen, als wir auf der anderen Elbseite mehrere Fahrzeuge der Feuerwehr sehen. Noch finden meine Kinder das ganz spannend. Was da wohl passiert ist? Feuerwehrgeschichten entspinnen sich beim Kleinsten.

Auf dem Nachhauseweg kommt uns ein Rettungswagen mit Blaulicht von den Elbwiesen entgegen. Jetzt verstummen meine Kinder. Da muss was Schreckliches passiert sein. Mein Mittlerer sagt, da ist bestimmt ein Kind ins Wasser gefallen…

Zu Hause lese ich bei Facebook, dass genau das geschehen ist. Zu dem Zeitpunkt kämpfen die Ärzte um das Leben des zehnjährigen. Meine Kinder fragen mich immer wieder, ob es ihm wohl wieder gut geht – ich weiß es nicht.

Auf einigen Nachrichtenportalen verbreitet sich die Meldung von dem Jungen, der beim Baden scheinbar vom Strom in die Elbe gezogen worden ist. Die Kommentare dazu gehen in zwei Richtungen, zum einen die, die Anteil nehmen und die, die belehren. Ein Kind mit zehn Jahren habe da am Wasser ja nichts alleine zu suchen. Es wird davon geschrieben, dass das Jugendamt ja wohl bitte schnellstens zu den Eltern gehen solle. Davon, dass die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben und man sie nun bestrafen müsse. Denken die Kommentatoren ernsthaft, dass diese Sätze irgendwem zu diesem Zeitpunkt helfen? Warum schreibt man sowas? Ist das eine andere Form von Schaulust?

Hinzu kommt noch der Fakt, dass in der Meldung steht, es ist ein syrischer Jungen. Die Kommentare dazu möchte ich nicht wiedergeben. Ich habe sie bei Facebook gemeldet – es waren menschenverachtende und widerliche Sätze dabei. Ich frage mich, ob so ein Bildschirm so viel Emotion und Empathie nehmen kann, dass jemand solche Worte schreibt, ohne auch nur einen Funken von schlechtem Gewissen zu haben.

Und heute?

Meine Kinder haben heute morgen als erstes gefragt, wie es dem Jungen geht, der da ins Wasser gefallen ist. Ich musste ihnen sagen, dass er im Krankenhaus gestorben ist. Mit Tränen in den Augen sprachen sie davon, wie es wohl für die Familie ist, wenn ein Kind stirbt.

Und die Menschen bei Facebook? Sie haben gestern ihre besserwissenden und inhaltlich wie zeitlich unangebrachten Kommentare abgelassen. Denken sie heute darüber nach, wie es wohl den Eltern geht? Mitgefühl? Eine Sekunde der Ruhe?

Oder ganz direkt: Was ist in Eurem Leben schief gelaufen? In was für einer Gesellschaft wollt ihr leben, wo zuerst nach Strafe geschrieen wird? Was habt ihr für ein Menschenbild? Und vor allem, was vermittelt ihr euren Kindern? Bei Unfällen erst den Zeigefinger heben und dann helfen? Schämt euch!

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