Gleichstellung

#metoo: hoffentlich nicht nur eine Blase

Seit ein paar Wochen finden sich in meiner Timeline jede Menge #metoo- und #menot- oder inzwischen auch #howIwillchange-Beiträge. Mutige Frauen (und inzwischen auch jede Menge Männern) berichten offen darüber, welche Erfahrungen sie mit sexualisierter Gewalt oder Sexismus gemacht haben. Ein bisschen erschlägt es mich – es tut weh, denn es ist brutal ehrlich.

Aber: Ich habe mich unweigerlich mit mir selbst beschäftigt – ob ich wollte oder nicht. Ich musste diese eine große, schwarze Kiste mit dem Inhalt, den ich gar nicht so klar vor mir gesehen habe oder auch sehen wollte, einmal anfassen und wenigstens einen Blick hinein werfen. Ein ernüchterndes Ergebnis: Ja, ich könnte auch einen #metoo-Beitrag schreiben. Über den mich misshandelnden Ex-Freund. Über Gespräche im Job, die mein Gegenüber lieber in seine Badewanne verlegt hätte. Neins, die so nicht verstanden wurden. Oder auch über sehr unangebrachte und demütigende Sprüche, die ich in meinem Leben bisher gehört habe. Aber nein. Ich habe diese Kiste (ersteinmal) wieder fein säuberlich verstaut. Ich schreibe keinen privaten #metoo-Beitrag. Denn inzwischen sollte wirklich jeder wissen, dass so ziemlich jede Frau schon Erfahrungen mit Sexismus oder sexualisierter Gewalt gemacht hat.

Betrachten wir es mal sachlich: Die EU-Kommission hat im vergangenen Jahr eine Eurobarometer-Umfrage zur geschlechtsspezifischen Gewalt veröffentlicht. Die Zahlen betreffen die EU, also nicht nur Deutschland. Dennoch, das kann man mal kurz wirken lassen:
• 1 von 3 Frauen* hat sexuelle oder körperliche Gewalt (oder beides) erlebt
• 1 von 5 Frauen* hat Stalking erlebt
• 1 von 2 Frauen* hat sexuelle Belästigung erfahren
• 1 von 20 Frauen* wurde vergewaltigt.
(* über 15 Jahre)

Und, eine Zahl noch, weil diese wirklich schockierend ist: 27 % der EU-Bürger vertraten bei der Befragung die Meinung, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung gerechtfertigt sein kann.

Was zur Hölle?

Alleine diese Zahlen zeigen, dass #metoo längst überfällig war. Was mich allerdings jetzt interessiert: Was bleibt nach #metoo? Wie geht es weiter? Schaue ich mir die Google Trends an, ist das Interesse an #metoo längst wieder rückläufig. Ist damit das Thema wieder vom Tisch oder passiert auch nachhaltig etwas? Und was muss passieren?

Dazu habe ich Petra Köpping, die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, befragt:

Frau Köpping, wie haben Sie persönlich die #metoo-Debatte erlebt?
Ich bin sehr bewegt darüber, dass dieser Hashtag eine solche Lawine ausgelöst hat und dass so schnell so viele Frauen von ihren Erlebnissen berichtet haben. Das zeigt, dass es unter der Oberfläche brodelt.

Wie ist ihr Gefühl, wird sich im Umgang zwischen den Geschlechtern deswegen etwas ändern?
Ich denke, dass diese Debatte ähnlich wie 2013 bei #aufschrei dazu führt, dass das Thema Sexismus enttabuisiert wird. Das finde ich wichtig. Frauen wird vor Augen geführt, dass sie nicht allein mit ihren Erlebnissen sind und darüber reden können. Und Männer hinterfragen ihren persönlichen Umgang mit Frauen in dienstlichen oder privaten Kontexten stärker und schreiten vielleicht eher ein, wenn sie Sexismus erleben. Das hat viel mit Bewusstseinsbildung zu tun.

Sie sind Politikerin – Wie steht es um Sexismus in der Politik?
Da ist es wie in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens – auch hier gibt es Sexismus. Leider.

Wird die Debatte politische Folgen haben?
Sie zeigt, wie wichtig die Arbeit ist, die in meinem Ministerium getan wird hinsichtlich der Gleichstellung der Geschlechter und gegen häusliche Gewalt. Und auch wie notwendig die Gelder für die Unterhaltung von Beratungsstrukturen in Sachsen sind. Allerdings wird auch uns durch die Debatte deutlich, dass unsere Angebote Lücken haben und dass wir Beratungs- und Hilfestrukturen bei sexualisierter Gewalt noch deutlich ausbauen müssen.

Was kann jeder Einzelne tun, um die Verhältnisse zu ändern?
Wir müssen uns alle fragen, wie wir miteinander umgehen und wir müssen uns einig sein, dass Sexismus in seinen verschiedenen Facetten einfach nicht geht. Nicht unter Kollegen, nicht im Ehrenamt, nicht im Freundeskreis. Diesen Situationen selbstbewusst zu begegnen, ist auch eine Frage der Zivilcourage. Und an diese möchte ich ausdrücklich appellieren. Nicht schweigen und betreten weggucken, sondern einschreiten.

Vielen Dank für das Interview.

Und wie geht es nun weiter? Ich finde, jeder Gedanke und ist er noch so klein, hilft am Ende ein Bewusstsein darüber zu schaffen, wie wir miteinander leben wollen. Deshalb ist #metoo gut und wichtig und sollte auf gar keinen Fall in Vergessenheit geraten. Wir sollten uns viel öfter die Frage stellen, ob wir diese alten Geschlechter-Rollenbilder auch weiterhin bedienen wollen oder ob wir es schaffen, uns auf Augenhöhe zu begegnen. Jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt, einem ersten Gedanken! Let’s go!

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