Gleichstellung, Politik

Zum Buch: »Integriert doch erst mal uns!«

Erinnert ihr euch noch an Weihnachten 2015? Wie war die Stimmung bei euch? Auch hitzige Gespräche über Flüchtlinge, Asyl, Pegida? Ich kann mich recht gut erinnern. Nicht, weil ich auch Diskussionen führen musste. Nein, weil mir nach den Feiertagen viele Freunde davon berichteten, dass teilweise danach Tischtücher zerschnitten waren. »Das war ja wohl das schrecklichste Weihnachten überhaupt« hörte ich da. Weihnachten 2015 war anders! Jung gegen Alt, tolerant gegen besorgt. Eine Bekannte erzählte sogar davon, dass zwei Familien sich so heftig gestritten haben, dass sie auch Monate nach Weihnachten kein Wort mehr miteinander sprachen. Und dabei waren sie viele Jahre die besten Freunde.

Was auf dieses Weihnachtsfest folgte waren dann Feiern, bei denen man bloß nicht über Politik sprechen sollte. Sicherheitshalber wurde das dann schon vorher bei der Einladung so kommuniziert. Oder aber, dass plötzlich mit Freunden und Familie getrennt gefeiert wurde. Fand seither eine Annäherung statt? Ich habe keine Ahnung, ich glaube es nicht. Irgendwo schwelt da noch was. Wahrscheinlich schleichen bei Feiern die Leute immer noch vorsichtig wie die Wölfe um das Futter herum, um nur nichts falsches zu sagen. Traurig eigentlich.

Hört zu!

Ich habe mir das, Buch »Integriert doch erstmal uns« von Petra Köpping, der sächsischen Ministerin für Gleichstellung und Integration, gekauft. Nicht einmal, nein ich habe es mir zweimal gekauft – einmal für mich und einmal für meine Eltern. Das Buch, so steht es auf dem Titel, ist eine ›Streitschrift für den Osten‹. Köpping fordert darin eine Aufarbeitung der Nachwendezeit. Sie fordert, dass auf beiden Seiten, Ost wie auch West, endlich das Thema Wiedervereinigung und Nachwendezeit angegangen und besprochen werden muss. Es muss den Menschen im Osten zugehört werden. Es muss verstanden werden, was hier passiert ist. Denn sie alle haben die Wende ganz unterschiedlich erlebt. Neben der neuen Freiheit gab es viele Enttäuschungen.

Ich selbst habe von der Wende nicht all zu viel mitbekommen. Ich war damals 8 Jahre alt. Klar, der Mauerfall, ja da war es etwas turbulent. Und ich kann mich auch noch erinnern, als wir endlich durch das Brandenburger Tor laufen konnten und nicht mehr nur bis weit davor. Und so dachte ich auch Anfangs leicht genervt, wieso denn jetzt die Mauer in den Köpfen wieder aufgebaut wird. Fast 30 Jahre ist es her und ich möchte jedesmal schreien, wenn einer von Ost und West spricht. Lange genug sind wir doch ein vereintes Deutschland – reicht doch nun auch.

Aber, und an dieser Stelle erwischte mich das Buch ziemlich hart: Man kann Ungerechtigkeit nicht durch Schweigen gut oder weg machen. Zeit mag Wunden heilen, aber die Verletzung im Inneren bleibt. Köpping geht davon aus, und das bescheinigen ihr viele Gespräche, die sie in den letzten Jahren geführt hat, dass die Wahlergebnisse, der PEGIDA-Zulauf und die Politikverdrossenheit natürlich etwas mit der Nachwendezeit und dem Umgang mit den Menschen hier zu tun haben. Dass das nichts mit dem »Jammer-Ossi« zu tun hat, der den hier Lebenden immer gern unterstellt wurde, belegt sie mit allerhand Beispielen. Da sind die vielen Menschen, die mit dem Verkauf (wobei es ein Verramschen fast schon besser trifft) der Firma, in der sie arbeiteten, durch die Treuhand, nicht nur ihre Arbeit verloren –  sondern weit mehr. Knall auf Fall war alles anders. Arbeit war ja eben nicht nur früh hin und abends zurück – da war viel Herzblut dabei.

Wie muss es sich anfühlen, wenn die Firma, die ja in der Regel auch gut lief und nach dem Kenntnisstand der Mitarbeiter Gewinne machte, für einen Apfel und ein Ei verkauft wurde? Wenn dann Stück für Stück die Maschinen weggebracht und die Firma geschlossen wurde? Oder aber, wenn plötzlich ein »Wessi« kam und meinte, dem »Ossi« erstmal zeigen zu müssen, wie es besser geht? Wie viel Identität ist den Menschen hier denn so eigentlich noch geblieben damals? Wurde ihnen doch das, wofür sie lebten schlecht geredet und abgesprochen. Einmal Kapitalismus aus dem Westen übergestülpt und nun seht zu, wie ihr damit klar kommt. Das war dann der Preis für die Freiheit? Dass sich tausende Menschen binnen kürzester Zeit auf dem Arbeitsamt wiederfanden?! Und nicht nur das. Danach viele Umschulungsmaßnahmen, Weiterbildungen oder jahrelange Arbeitslosigkeit. Ja, ich kann die Frustration durchaus verstehen.

Die Demokratie kann nur gewinnen

Ich hatte im Theaterstück von Peter Richters »89/90« diesen Umbruch schon gesehen und hatte mich damals gefragt, wie es sein kann, dass die Menschen das so problemlos hinnehmen. Ein Denkfehler meinerseits, denn problemlos war es ja keineswegs. Und genau dieses »Seht zu, wie ihr damit klar kommt!« ist es wohl, was den Menschen hier so schwer fällt. Deswegen fordert Köpping auch, und ich finde das großartig, das Thema aufzurollen, zuzuhören und zu verstehen. Es geht ihr nicht darum, den Westen schlecht darzustellen – auch dort gibt es viele strukturschwache Gebiete, auch da gibt es viele Schicksale die Menschen getroffen haben. Vielleicht is dies gerade ein Grund zusammen zu halten. Die vielen negativen und frustrierenden Erfahrungen von damals tot zu schweigen, geht definitiv nach hinten los. Ebenfalls fordert sie, die Demokratie zu verteidigen – Gespräche zu führen und die Menschen wieder zusammenzuholen und sie an den Prozessen zu beteiligen. Weg von »jeder ist sich selbst der nächste« und »die da oben machen das schon«. Tatsächlich kann es der Demokratie ja nur gut tun, wenn sie nah an den Menschen ist. Beide Seiten würden profitieren: Die, die die Demokratie noch nicht so verinnerlicht haben und / oder wütend sind. Und die, die vielleicht etwas demokratiemüde sind, weil Entscheidungen manchmal so lange dauern oder es so wirkt, als würden immer nur bestimmte Bevölkerungsgruppen profitieren.

Im Buch schreibt sie: »Wir Ostdeutschen haben die Diktatur in einer Friedlichen Revolution niedergerungen. Wir konnten uns aber nicht die Demokratie erkämpfen, wie dies die Westdeutschen spätestens mit der 68er-Bewegung massiv taten. Im Gegenteil wurde nach meiner Einschätzung das zarte Pflänzchen demokratischer Beteiligung nach 1990 recht heftig am Wachsen gehindert.«

Vielleicht wagt ihr es, euch auch zwei Bücher zu bestellen. Was nämlich bei mir passiert ist: Ich habe bei meinen Eltern nachgefragt und sie gebeten, mir noch mehr zu erzählen. Und ich hatte schon das Gefühl, dass es für sie gut war, zu berichten und von ihren Erlebnissen und Begegnungen zu erzählen. Sich einander zuhören ist vielleicht ein erster Schritt für ein spannendes Weihnachten 2018.

 

PS: Mit diesem Blogbeitrag gebe ich ausschließlich meine persönliche Meinung wieder. Trotzdem an dieser Stelle ein Transparenzhinweis: Wir arbeiten als Agentur STAWOWY u.a. auch für das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz, Abteilung Gleichstellung und Integration unter Leitung von Ministerin Petra Köpping.
Previous Post Next Post

You Might Also Like

Kein Kommentar

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.