Gleichstellung, Medien, Politik

Es muss auch mal wehtun!

»Wenn es knirscht, dann ist es noch okay«, sagt mein Yogalehrer immer beim Kopf kreisen. »Aber wenn es wehtut, bitte nicht rabiat drüber bügeln!« Der Satz passt zum Thema: Hat nicht in den ganzen letzten Jahren diese ganze Feminismus-, #metoo-, Sexismus- und Frauenquotensache einfach nur geknirscht? Irgendwie haben wir das ja alle mitgemacht.

Es läuft immer nach dem gleichen Schema: Irgendwer stellt fest, dass da einiges nicht ganz so fair und schön ist. Dann gibt es eine kurze Aufregung, mit Glück minimale Änderungen – aber am Ende wird es trotzdem weiter toleriert. Es ist ja auch gar nicht die böse Absicht, irgendwen »in die Pfanne« zu hauen. War ja schließlich schon immer so. Fast immer bleibt alles beim Alten. Veränderung fällt schwer und bedarf Zeit.

Wir gucken immer noch Anne-Will-Talkshows, bei denen zwischen vier Männern nur eine Frau sitzt. Wir sehen Filme, in denen Frauen nur am Rande vorkommen. Und nach wie vor ist es total normal, dass eine Frau, sobald sie Kinder bekommt, erst zu Hause bleibt und dann in Teilzeit weiter arbeitet – der große starke Mann ist schließlich der Hauptverdiener!

Na gut, mit Debatten wie #Aufschrei und #metoo, die nicht nur in den Sozialen Netzwerken diskutiert wurden, sondern auch in den klassischen Medien oder im eigenen Bekanntenkreis, fing es auch schon mal an, etwas wehzutun – unangenehm zu sein. Und es bewegt sich was: Vereine wie ProQuote erhöhen die Quotenforderung auf 50 Prozent. ProQuoteFilm gründet sich neu. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes plant eine Beschwerdestelle für sexuelle Übergriffe in der Filmbranche. Erstmals gibt es außerdem Studien, die das Fernsehprogramm untersuchen. Und, aufgepasst, sogar die BILD-Zeitung nimmt – wir schreiben das Jahr 2018! – die Nackedei-Damen aus dem Blatt. Zukünftig nur noch leicht bekleidet, aber nicht mehr nackt.

Im Ernst: Endlich fangen wir wirklich an, laut darüber nachzudenken, warum die Vorstände oft nur mit Männern besetzt sind oder ob sich mit »Sehr geehrte Leser« wirklich alle Menschen angesprochen fühlen. Ja, das ist manchmal nervig und anstrengend, jetzt, wo Bewegung reinkommt. Und vielleicht tut es auch etwas weh. Aber das ist gut so, denn wir müssen darüber reden, um ein anderes Bewusstsein zu schaffen.

Feminismus als Schimpfwort

»Hallo du Feministinnen-Anführerin«, schrieb mich kürzlich ein Mann an. Er meinte es nicht böse. Ich brauchte einen Moment, denn ganz kurz hatte ich das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen. Ich wollte erklären, dass ich das doch gar nicht bin! Es fühlte sich wie eine harte Beleidigung an. Bis mir klar wurde, dass er ja irgendwie Recht hat. Und es gar keine Beleidigung ist. Feminismus habe ich selbst lange nur mit den Frauen, die mit nacktem Oberkörper Veranstaltungen stürmen, oder mit stark verbissenen Aktivistinnen in Verbindung gebracht. Inzwischen weiß ich es besser. Warum ich aber gleich als »Anführerin« bezeichnet werde, nur weil ich mich öffentlich zum Thema äußere, erschließt sich mir nicht. Ist das dann ein Lob? Oder eher eine Stichelei, weil ich mich »zu sehr« engagiere? Was sagt das am Ende über den Absender der Nachricht aus?

Laut Duden ist der Feminismus (nur so am Rande, ein maskulines Substantiv!) eine ›Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt‹. Feminismus ist also keineswegs nur der Hardcore-Aktivismus, der alle dazu nötigen will, unbedingt jetzt und sofort alles fifty-fifty zu regeln. Vielmehr geht es darum, ein gesellschaftliches Umdenken anzuregen.

Hallo Männer, nein, es geht nicht gegen Euch! Niemand möchte Euch was wegnehmen. Vielmehr geht es darum, für ein »Wir« zu sein. Dafür müssen wir längst überholte Rollenbilder infrage stellen, auflösen oder – wenn der oder die Einzelne das für sich als positiv empfindet – auch beibehalten.

Ab wann bin ich dann also Feministin? Und kann auch ein Mann Feminist sein? Bento fragte in einem Interview die Soziologin Marianne Schmidbauer vom Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien in Frankfurt. Ihre Antwort: »Feminismus ist kein geschützter Begriff. Dazu gehören auch feministische Ziele: Emanzipation, Geschlechtergerechtigkeit und die Abschaffung von Diskriminierung. Eine Feministin zeigt Solidarität und kämpft nicht nur für sich. Das bedeutet auch, den Mut zu haben, sich einzumischen, wenn ungerechte Behandlung spürbar ist.«

Also: Alle können sich für Feminismus engagieren! Das klappt übrigens auch ganz gut, ohne es sich gleich aufs T-Shirt oder gar die nackte Brust zu schreiben.

Jungs, die Fakten sprechen für uns! 

Checker Tobi, Checker Chan und jetzt noch Checker Julian – eine »Checkerin« suchen wir vergebens. Schon im Kinderfernsehen erklären uns Männer die Welt – Wundern wir uns da ernsthaft über festsitzende Rollenbilder? Ganz subtil sind sie da und werden immer weitergegeben. Schon deswegen halte ich eine Debatte um Geschlechterchancengleichheit für angebracht. Wo sind sie denn, die Superheldinnen und starken Mädchen im Kinderprogramm?

Einmal sensibilisiert, fallen immer mehr Beispiele auf: Morgens fährt eine Straßenbahn mit dicker, fetter Werbung an mir vorbei. Es geht um Jobs bei den Dresdner Verkehrsbetrieben. Über die ganze Länge der Bahn verteilt: sieben Personen – sechs Männer, eine Frau. Ehrlich jetzt? Habe ich als Frau da überhaupt noch Lust, mich zu bewerben? Natürlich passiert da im Unterbewusstsein etwas!

Und selbst wenn wir Frauen dann im gleichen Job wie Männer arbeiten, der Gender Pay Gap zeigt es schwarz auf weiß: Fette 21 Prozent beträgt in Deutschland die Lohnlücke zwischen Mann und Frau. Bei gleicher Arbeit beträgt sie immerhin noch 6 Prozent. Hinzu kommen dann noch die Jahre, in denen die Frauen bei den Kindern zu Hause bleiben. Über Einstiegschancen mit Kindern im Schlepptau sprechen wir da noch gar nicht.

Woher kommt das? Warum trauen wir – Frauen sind da übrigens ausdrücklich mit eingeschlossen – Frauen per se weniger zu? Die Frau, »das schwache Geschlecht«. Die, die uns als das hübsche Beiwerk für ein Möbelstück präsentiert wird. Solange wir das noch als normal durchgehen lassen, wird sich an der ungerechten Aufgaben- und Machtverteilung nichts ändern.

Hilft die Quote?

Und da kommen wir zwangsläufig zur Diskussion über die Quote: Ist sie notwendig oder nicht? Die Diskussion darum reißt nicht ab – es gibt einfach zu viele Belege, dass da was im Argen ist. Vorstandsmitglieder werden ausgezählt und – oho – das sind ja viel mehr Männer! Wo sind die Frauen?

Mit der Produktion des Heftes (FUNKTURMin) hat sich meine Meinung zur Quote noch mal grundlegend geändert: Mit einem Ja oder Nein ist diese Frage definitiv nicht zu beantworten. Ja, die Quote ist gut! Weil Frauen, die eben nicht forsch, fordernd und nach vorn preschend sind, gerade durch die Quote die Chance bekommen, auf der Karriereleiter nach oben zu steigen.

Und nein, die Quote ist unnötig! Weil wir Menschen nach ihren Qualitäten und Qualifikationen beurteilen sollten und nicht danach, wo noch eine Frau hingesetzt werden muss – weil »da eben eine hin muss«. Dort beißt sich die Katze leider in den Schwanz: Wird dabei vielleicht die Frau schon wieder an den Maßstäben der Männer gemessen? Ist sie besser oder wenigstens gleichwertig? Männer und Frauen sind natürlich von Grund auf unterschiedlich. Ohne verfestigte Rollenbilder würden wir über so was gar nicht nachdenken. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, klar. Und es gilt, diese im Team fair zu kombinieren und nicht gegeneinander aufzuwiegen.

Die Hilflosigkeit der Männer

Und dann gibt es noch die, die meinen, es sei alles gar nicht so wild. Wieso sich denn jetzt plötzlich alles um die Frauen drehe? Den Frauen gehe es doch gut! Wieso sollen sie denn noch extra gefördert werden? Wenn eine Frau will, dann könne sie das doch auch alleine, ist zu hören. Im Hinblick auf andere Länder kann natürlich gesagt werden, stimmt: Was soll das eigentlich? Schauen wir nur in den Iran, wo Frauen gerade dafür kämpfen, überhaupt erst mal eine Stimme zu bekommen. Da mag unsere Diskussion hier wie ein Luxusproblem erscheinen.

Zur Erinnerung: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.« So steht es in unserer Verfassung – so viel zum Plan. Fakt ist aber auch, dass es so noch nicht funktioniert. Klar wird das schon ein paar Sätze weiter mit folgendem Satz: »Die Bundesregierung besteht aus dem Bundeskanzler und aus den Bundesministern.« Kleiner Hinweis am Rande: Die Frauen sind an dieser Stelle natürlich ausdrücklich und selbstverständlich mit gemeint … ist ja seit 2.000 Jahren so.

Denken wir nun noch an die jüngst wieder zurückgegangene Zahl der weiblichen Abgeordneten im Bundestag: 30,9 Prozent der Abgeordneten sind weiblich – in der Legislatur vorher waren es 36 Prozent. So sehen wir, dass es noch viel Arbeit bedarf, um die Gleichheit auch wirklich zu leben. Löblich immerhin: Das neue Kabinett ist mit sieben Frauen sehr gut besetzt. Vorbilder sind wichtig.

Spannend aber ist in dieser ganzen Diskussion zu beobachten, wie sich einige Männer plötzlich in die Defensive begeben. Wie sie schwach werden und hilflos um sich schlagen. Frei nach dem Motto: »Das war schon immer so, wieso muss man das jetzt ändern!« Und dann hören wir eben genau die Sprüche, dass es Frauen doch eigentlich alleine schaffen können. Oder aber, was ich auch schon von einem Mann zu hören bekam, die Natur habe das ja alles so vorgesehen mit den Männern und den Frauen. Die Männer waren ja auch früher die Jäger und die Frauen haben das Heim gepflegt, da wird sich der liebe Gott ja was bei gedacht haben. Schon klar, dass der Gott in dieser Argumentation keine Göttin ist. Auch Frauen verteidigen sich zeitweise mit genau solchen Begründungen, wenn sie sich offenbar mit ihrer Rolle abgefunden und eingerichtet haben.

Um hier bewusst nicht nur von Männern zu sprechen: Liebe Verfechter und Verfechterinnen der Stereotype: Ihr müsst keine Angst haben. Es geht doch nur darum, dass alle auf Augenhöhe agieren. Das bedarf Respekt und Verständnis und eben kein von oben herab gebrülltes »Das ist aber schon immer so«.

Lasst uns doch zukünftig nicht nur von Männern und Frauen, sondern öfter einfach mal von Menschen sprechen. Bis es so weit ist, darf es meinetwegen ruhig auch mal wehtun und anstrengend sein.

 

Dieser Text erschien zuerst in FUNKTRUMin – Magazin für Medien und Politik. Hier kann das Heft bestellt werden.

Außerdem im Heft: 

  • „Frauen fehlen die Vorbilder.“ Interview mit Hannes Zacher
  • „Männer haben auch Gefühle. Durst.“ – Wann ist Werbung sexistisch?
  • Ingo Appelt vs. Lisa Feller. Geschlechterrollen in der Comedy
  • Was hat der Streit um „Herr Professorin“ gebracht? Ein Rückblick
  • Zickenkrieg und Weiberwirtschaft. Interview mit Gabriele Golling
  • Das Frauenbild im Radio. Sind Witze über Geschlechterrollen okay? ….
Previous Post Next Post

You Might Also Like

Kein Kommentar

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.