Politik

AfD oder der Herd ist verdammt heiß

Da sagt man zum Kind: »Fass bloß nicht auf den Herd, der ist heiß!«. Aber die Neugier siegt und das Kind macht es trotzdem. Autsch. Bevor es weh tut, der Mutter oder dem Vater zu glauben, die es ja wissen müssten? Nö! Da ist ein Reiz, den es auszutesten gilt. Immerhin, den Schmerz merkt es sich, und so wird das Kind höchstwahrscheinlich beim nächsten mal nicht mehr auf die Herdplatte greifen. Weh tat es dennoch. Operante Konditionierung nennt man das in der Psychologie, oder auch Lernen durch Belohnung oder Bestrafung. Zack, aua, ne ne, nich noch mal.

Seit einiger Zeit denke ich darüber nach, ob wir hier in Deutschland gerade ähnliches erleben, dieses Lernen durch Schmerz. Dafür lösen wir uns bitte vom Bild des Kindes – ich will ja niemanden für unmündig erklären. Was ich meine? Es geht uns so gut in Deutschland! Eigentlich muss kein Mensch auf der Straße leben, niemand muss hungern und Arbeit gibt es auch. Der Wirtschaft geht es blendend, die Arbeitslosenquote ist niedrig und wir haben im Vergleich zu anderen Ländern ein ausgesprochen gutes Gesundheitssystem. Ja klar, natürlich gibt es immer Dinge, die man besser machen kann. Luft nach oben ist noch genug. Aber: Es geht uns gut.

Ich frage mich: Könnte es sein, dass es den Menschen gerade einfach viel zu gut geht? Und eine Art Übermut Einzug hält? Und könnte es sein, dass dieser Wohlstand die Wahrnehmung von Gerechtigkeit, von Richtig und Falsch und dem Empfinden von Menschlichkeit komplett verschoben hat?

Was passiert hier gerade? 

In den Medien sehen wir die regierenden Rechtspopulisten in anderen Ländern – in Ländern, die uns so nah sind: Polen, Österreich, Italien, Slowakei oder auch Ungarn. Und dennoch wird ganz offensichtlich weggeschaut. Betrifft uns ja alles nicht – das ist alles weit weg. Die Ähnlichkeiten zur AfD aber liegen auf der Hand!

Dennoch begreifen offenbar viele nicht, dass uns ähnliche Entwicklungen bevorstehen, wenn aus Protest mal eben die vermeintliche „Alternative“ gewählt wird. Die Wahlprognosen lassen ahnen, in welchem Ausmaß dies geschehen könnte.

Ein paar Beispiele gefällig? »In Ungarn hat die Regierung von Viktor Orban die Medienlandschaft in ihrem Sinne umgekrempelt. Zudem veröffentlichten staatsnahe Medien Listen mit Namen von kritischen Journalisten und ausländischen Korrespondenten, um diese einzuschüchtern. „Reporter ohne Grenzen“ warnte, die Berichterstattung ausländischer Korrespondenten sei der ungarischen Führung ein Dorn im Auge, da sie sich weniger leicht kontrollieren lasse als die nationaler Medien.« schreibt der Tagesschau Faktenfinder.

In Polen wurden 200 Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Radios freigestellt – seitdem steht die Regierung viel besser da! Das ist Propaganda pur. Und auch den private Medien soll es noch an den Kragen gehen. Bei der Justiz ist dies schon teilweise passiert: »Inzwischen hat die Partei die Kontrolle über das Verfassungsgericht und den Landesgerichtsrat übernommen, eine bis dahin von der Politik unabhängige Institution. Ein Drittel der obersten Richter soll in den Ruhestand gezwungen werden, die PiS wird das komplette polnische Gerichtswesen kontrollieren«, schreibt die ZEIT.

Was das bedeutet? Die PiS-Partei hat seit dem 4. Juli das Gesetz durchgedrückt, dass das Höchstalter von obersten Richtern nur noch 65 Jahre beträgt – bisher waren es 70. Was nett gemeint klingt, ist eher eine Variante, unliebsame Richter aus dem Weg zu räumen und durch Leute zu ersetzen, die der nationalkonservativen Partei dienlich sind – unabhängige Gerichte wären damit Geschichte. 21 Richter sind so schon in den Zwangsruhestand versetzt worden. Inzwischen hat die EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen eingeleitet.

Nächstes Beispiel: Österreich. Auch da arbeitet die FPÖ fleißig daran, dass die liberale und pluralistische Demokratie Step by Step abgebaut wird. So hat zum Beispiel das österreichische Innenministerium kürzlich in einer Email an die Polizei darum »gebeten«, dass der Aufenthaltsstatus und die Staatsangehörigkeit von Verdächtigen in Pressemitteilungen genannt wird. Über Sexualdelikte soll sogar vermehrt an die Presse berichtet werden. Und das Ziel der Aktion? Ganz klar, Manipulation und Angst machen und mit der Unsicherheit der Menschen spielen. Was anderes ist es nicht, was den Rechtspopulisten ihre Stimmen bringt. Mit Angst arbeiten ist einfach, aber wirkliche Inhalte? Fehlanzeige. Anders sieht es ja auch in Deutschland bei der AfD nicht aus, wenn man in das Programm schaut oder den Reden und Verlautbarungen zuhört bzw. diese liest.

Angst, Angst, Angst

Der Volksverpetzer hat 21 Aussagen aufgelistet, die ziemlich gut beschreiben, welches menschenfeindliche Bild die AfD verfolgt: »Thomas Göbel, von der AfD, sagte in Hinblick auf Ausländer, dass Deutschland »unter einem Befall von Schmarotzern und Parasiten« leide, die dem deutschen Volk »das Fleisch von den Knochen fressen«. Im Nationalsozialismus wurden Juden regelmäßig als »Parasiten« bezeichnet

Menschen mit Angst zu beeinflussen, bezeichnet die Psychologie schlicht als Manipulation. Die AfD scheint sich diesem Mittel verschrieben zu haben. Menschen in Angst lassen sich bekanntlich eher vom Gefühl als der wirklich realen Bedrohung leiten – und vor allem im Sinne des Manipulierenden beeinflussen. Dass die Zahl der Strafanzeigen in Österreich auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren ist, interessiert da kaum noch jemanden. Die Angst vor den »bösen« Migranten ist stärker, wenn auch schlicht nicht berechtigt.

Der russische Forscher Iwan Petrowitsch Pawlow hatte mit seinen Hunden eine Zufallsbegegnung: Als der Raum mit den Hunden, mit denen er experimentierte, mit Wasser überflutet wurde, mussten die Tiere einen Tag um ihr Leben schwimmen. Dabei vergaßen sie sämtliche vorher gelernten Verhaltensweisen. Pawlow schlussfolgerte, man könne einen Menschen durch eine extreme Überforderung seiner psychischen Leistungsfähigkeit so manipulieren, dass er gelernten Inhalte – wie Werte und Normen – komplett über Bord wirft. Die entstandene Lücke lässt sich dann mit neuen Inhalten füllen – also etwa auch eine neue Ideologie »einpflanzen«. Ich überspitzte gerade etwas – in der Regel funktioniert der Mechanismus wohl nur kurzzeitig und in Extremsituationen, also etwa Todesangst. Aber selbst im Kleinen gibt es diesen Mechanismus. Der Vorgang kommt einer Gehirnwäsche gleich – für eine Wahlentscheidung vermutlich ausreichend, wenn man Wähler manipulieren will. In Polen haben die Wähler der PiS-Partei sicher nicht erwartet, was da nun passiert.

Jetzt sind wir natürlich alle keine Hunde… Aber wenn ich in die anderen Länder schaue, dann frage ich mich ernsthaft: Wieso verdammt nochmal sprechen wir hier in Deutschland überhaupt darüber, ob eine AfD eine Chance hat? Es ist so offensichtlich, was uns erwarten würde – und dennoch hat diese Partei so einen Zuspruch!? Entwickeln wir uns gerade zurück, back to 1933? Warum sympathisieren Menschen offensichtlich mit einer rechtspopulistischen Partei, die nicht versucht mit Inhalten, sondern einzig mit Angst, Manipulation und – ich würde es sogar Gehirnwäsche nennen – zu überzeugen?

Und was mich auch beschäftigt: Wieso sind es oftmals die, denen es wirklich gut geht, die obere Mittelschicht, die diesem ganzen Schwindel etwas abgewinnen? Warum suchen die eine Alternative? Warum wenden sie sich von der bestehenden Demokratie und all den Freiheiten und Errungenschaften der letzten Jahre ab und wählen eine Partei, die all das – auch ihre Freiheiten – beschneiden wird?

Meine Meinung dazu

Zukunft bedeutet nicht Rückschritt! Zukunft bedeutet auch nicht, zurück zur alten Nation, in alte Grenzen mit alten Regeln! Unsere Zukunft ist Europa, ein Gemeinsam, ein miteinander!

Oder muss es immer erst richtig weh tun, bis wir begreifen, dass diese Alternative eben keine Alternative ist? Wieso lassen sich so viele Menschen von Angst treiben, wo es uns doch gut geht?

Ich meine, wir könnten das Lernen durch Schmerz einfach mal auslassen und durch einen Blick in die Geschichtsbücher ersetzen.

P.S.: Dass die AfD ein »extrem heißes Eisen« ist, zeigen wir auch in der aktuellen Ausgabe des FUNKTURM. Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, was denn passieren würde, wenn eine rechtspopulistische Partei Deutschland regiert. Das Ergebnis ist gruselig – und sehr lehrreich. Zum Bestellen hier klicken!

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2 Kommentare

  • Reply Eric Johannson 12. Oktober 2018 at 10:26

    Genau: Noch nie hatten in Deutschland so viele Menschen Arbeit. Und noch nie konnten in Deutschland so viele Menschen mit Arbeit nicht davon leben !!!
    Was ein unnützer Vergleich und das selbe Propaganda-Geschwätz wie das der Alt-Parteien die sich gerade vollkommen zurecht in Nichts auflösen.

  • Reply Romina 12. Oktober 2018 at 18:28

    Und Sie denken, wenn man die AfD wählt, wirds besser?

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