Politik

1 Prozent zu wenig und du bist der Loser.

Heute früh sagte jemand zu mir: »Mensch, da ging ja gestern ein riesen Beben durch Sachsen! Und dann kriegt noch einer den besten Job, der bei der Wahl voll abgelost hat.« Gemeint ist der Rücktritt des sächsischen Ministerpräsidenten Tillich und sein Vorschlag, den bisherigen CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer zum neuen Ministerpräsidenten zu machen. Mehr als dass Michael Kretschmer sein Bundestagsmandat an einen Kandidaten der AfD verloren hat, fiel mir in dem Moment nicht ein, da man hier in Sachsen so viel aus Berlin auch nicht mitbekommt.

Zeitgleich tauchten bei Facebook Kommentare auf wie: »Nun machen sie den Bock zum Gärtner…« oder »Prima, jetzt wird dem Verlierer der Wahl noch so ein hoher Posten verschafft…«

Ich habe mir dazu noch ein paar Medienbeiträge angesehen. Der Stern titelt mit: »Er verlor gegen die AfD – jetzt soll er Ministerpräsident von Sachsen werden«, heute.de schreibt: »Wahlverlierer soll neuer Ministerpräsident werden« und t-online titelt sogar mit dem Petry-Zitat: »Tillich will einen Verlierer auf den Thron hieven“.

Der neue Ministerpräsident startet also schon als “Loser”. Na, herzlichen Glückwunsch.

Dann habe ich mir doch mal die Zahlen herausgesucht. In seinem Wahlkreis hatte Kretschmer 1 Prozent – in Worten: ein Prozent – weniger als der AfD-Kandidat. Um es genau zu nehmen, waren es 31,4 Prozent der Bürger, die für ihn stimmten. Die CDU hatte sachsenweit mit Ach und Krach 30 Prozent der Erststimmen. Und: Der Dresdner Wahlkreis-Kandidat hat noch nicht einmal diese 30 Prozent erreicht und ist dennoch in den Bundestag eingezogen. Arnold Vaatz hatte 24,6 Prozent.

Wenn ich mir die Tabelle mit den Wahlergebnissen ansehe, so war der Abstand zwischen CDU und AfD in vielen Wahlbezirken immer sehr klein. Was also macht Michael Kretschmer jetzt zum großen Verlierer? Rein der Fakt, dass der »Andere« ein relativ unbekannter Kandidat der AfD war?

Und, was mich wirklich stört: Was macht alle so sicher, dass Michael Kretschmer den Job des Ministerpräsidenten deswegen nicht könnte? Warum wird der verlorene Wahlkreis als Argument genutzt, um über die Qualitäten einer Person als möglicher Ministerpräsident zu urteilen?

Wissen all jene, die Kretschmer jetzt schon als Verlierer betitelt haben, denn, wer eine bessere Wahl gewesen wäre? Trauen sie sich selbst zu den Job besser zu können? Ist das eine Prozent zu wenig tatsächlich kriegsentscheidend für den Posten eines Ministerpräsidenten?

Ich kenne die Fähigkeiten von Michael Kretschmer nicht und halte mich deswegen mit einer Einschätzung zurück. Aber mich stört, dass er gestern und heute schon niedergemacht wird über das eine, extrem schwache Argument: 1 Prozent.

Previous Post Next Post

You Might Also Like

Kein Kommentar

Leave a Reply

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.